Rio+10-Gipfel

Lernblockaden

Wie wenig ernst es der internationalen Gemeinschaft mit der Bewältigung der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vom Klimawandel bis zur Bekämpfung von Armut und Unterent-wicklung immer noch ist, kann anhand einer Vielzahl von Fakten minutiös nachgezeichnet werden. 1992 beim Erd-Gipfel in Rio keimte immerhin ein Bewusstsein davon, dass wir nicht die Ressourcen von drei Planeten verbrauchen können, wenn wir nur einen haben. Die damalige Aufbruchstimmung mit all ihren Absichtserklärungen versandete freilich schnell. Die Bilanz bei der Folgekonferenz Ende August/Anfang September 2002 in Johannesburg ist nüchtern betrachtet eine des Scheitern, durchsetzt von wenigen Lichtblicken.

Der Frage, warum das Nichtwissenwollen und das Nichthandeln trotz Wissen in unserer Gesellschaft dominiert, versucht das Buch "Die Zukunfts-Blockade" aus transdiszipli-närer Perspektive auf den Grund zu gehen. Anhand mehrerer Referenzthemen, bei denen Klima und Agrarwende im Zentrum stehen, wird dargelegt, dass es kein Wissensdefizit und auch keinen Mangel an schlüssigen Handlungskonzepten gibt. Es mangelt in der Breite am Willen zur Richtungsänderung des Denkens und Handelns. Bei der Erklärung dieses Phänomens werden von politischer, soziologischer und ökonomischer Wissenschaft über Psychologie bis zur Hirn- und Genforschung verschiedene Disziplinen auf ihren Erklärungsbeitrag hin befragt. Auch der Bedeutung kultureller Prägungen und der Rolle von Religionen wird nachgespürt.

Weltklima als Opfer des Gefangenendilemmas

Der Erhalt eines für höherwertiges Leben auf dem Planeten Erde zuträglichen Klimas ist ein globales öffentliches Gut. Das Ringen um dieses Gut verlangt nach weltweiter Kooperation, die jedoch nur schwer zustande kommt. Nicht nur, dass die ausgehandelten Kyoto-Regelungen für eine wirksame Eindämmung des bereits angelaufenen Klimawandels bei weitem nicht ausreichen, auch der Ratifizierungsprozess stockt. Johannesburg sollte die feierliche Inkraftsetzung des Kyoto-Protokolls erleben. Daraus wird nichts.

Über die aus der Spieltheorie entnommene Situation des Gefangenendilemmas kann gezeigt werden, dass schlechte Ergebnisse für alle ihre Ursache darin haben können, dass jeder einzelne Mitspieler streng rational seine Eigeninteressen verfolgt. Wenn alle egoistisch-rational handeln, schaden sich alle letztlich selbst. Der Kyoto-Prozess stellt eine besondere Ausprägung des Gefangenen-dilemmas dar: es gibt sehr viele Teilnehmer; ihre Bedeutung für den Spielausgang differiert und die im Grundmodell vorhan-dene Figur des Richters fehlt auf globaler Ebene. Jedes Land ist gefordert, freiwillig einen Beitrag zu leisten. Die Länder, die primäre Verursacher sind, haben zugleich eine Bringschuld gegenüber den armen Ländern, die obwohl am Entstehen des Problems praktisch gar nicht beteiligt, letztlich die Hauptleidtragenden sind. Von herausragender Bedeutung (für das Zustandekommen wirksamer Klimaschutz-maßnahmen) sind die Entscheidungen der USA, denn sie ist einzige Weltmacht und größter Klimasünder in einem. Auch die Entscheidungen der EU, von China und Japan sind richtungsweisend. Was dagegen Haiti oder der Senegal entscheiden, ist relativ irrelevant.

Wirksamer Klimaschutz kommt nur zustande, wenn im Rahmen einer differenzierten Lastenverteilung möglichst viele Staaten einen in der Summe ausreichend großen Beitrag leisten. Diesem Zustandekommen von strategischer Kooperation stehen die individuellen Rationalitätskalküle der Verhandlungsteilnehmer entgegen. Da nicht gewährleistet ist, dass sich alle kooperativ verhalten, kann es dem einzelnen Land vorteilhaft erscheinen, ebenfalls keine besonderen Klimaschutzanstrengungen zu unternehmen. Es vermeidet so heute entstehende Kosten, die bei Nicht-Kooperation der anderen ins Leere gingen, sichert sich jedoch die Chance, ggfls. von den Anstrengungen der anderen als Trittbrettfahrer zu profitieren. Ob ein Land kooperiert oder nicht, hängt vom Verhältnis "erwartete Kosten zu erwartetem Nutzen" ab. Kosten und Nutzen lassen sich sowohl wirtschaftlich wie politisch definieren. Nur wenn der erwartete wirtschaftliche Nutzen für höher eingeschätzt wird als die entstehenden wirtschaftlichen Kosten und/oder die erwarteten Stimmengewinne beim Wahlvolk höher sind als die erwarteten Stimmenverluste, findet Kooperation statt. Damit eine Regierung die Herausforderung entschlossen angeht, reicht es nicht, wenn die Bevölkerung Klimaschutz ganz allgemein für wichtig hält. Entscheidend ist die Frage, ob sich eine kritische Masse innerhalb einer Stimmenmehrheit findet, die bereit ist, die Konsequenzen wirksamen Klimaschutzes in Form von höheren Energiepreisen, von Einschränkungen bei der Autonutzung usw. zu tragen. Diese Mehrheit ist nirgends in Sicht. Auch nicht im Klimavorreiterland Deutschland. Dass noch nicht einmal eine relevante Minderheit von Menschen Klimaschutz als eine sie betreffende Gegenwartsaufgabe ernst nimmt, zeigt sich allenthalben: von der marginalen Nachfrage nach Ökostrom über die geringen Verkaufszahlen von Drei-Liter-Autos bis zu den Widerständen gegen weitere Erhöhungen bei der Ökosteuer. So nährt sich die Dilemmasituation aus zwei Quellen(, die sich im saldo verstärken): Rücksichtnahme auf nationale wirtschaftliche Interessen und Rücksichtnahme auf das Wahlvolk. Damit aber fehlen die machtpolitischen Voraussetzungen für eine entschiedene Politik des Klimaschutzes.

Gesellschaft ohne Steuerungs-zentrale

Im Prozess der Modernisierung kommt es zur Ausdifferenzierung von Gesellschaften in eine Vielzahl von Teilsystemen. Diese haben nicht nur unterschiedliche Aufgaben sowohl im Verhältnis zur Gesamtgesellschaft wie in der Funktionalbeziehung zu anderen Teilsystemen. Entscheidend ist, dass sich in den Teilsystemen unterschiedliche professionalisierte Rollen, spezialisierte Organisationen und spezielle Fachsprachen herausbilden. Jedes Teilsystem entwickelt seine eigene Systemlogik und gemäß der Systemtheorie von Luhmann auch ein Kommunikationsystem, das rein system-bezogen ist. Im Ergebnis produziert und reproduziert sich jedes System in Bezug auf einen eigenen Code und ein eigenes Handlungssystem mit zugehörigen Sinnstiftungen. Schon der Versuch, die Forderung nach Klimavorsorge wirksam in die Sprache der gesellschaftlichen Teilsysteme zu übersetzen, bricht sich an der Fast-Unmöglichkeit einer bereichsübergrei-fenden Kommunikation. Nun haben Staat und Politik eine herausgehobene Funktion insoweit, als sie in der Lage sind, verbindliche Entscheidungen auch für die Teilsysteme zu treffen, während diese im Verhältnis untereinander nur Sachzwänge schaffen können. Zwischen Politik und Ökonomie haben sich die Gewichte während der zurückliegenden Jahrzehnte jedoch so stark in Richtung Ökonomie verschoben, dass auch aus der machtpolitischen Schwächung des Staates eine Sperrwirkung gegen ökologische Umsteuerungsversuche erwächst. Dies freilich nicht nur aufgrund von Prozessen, wie sie mit Stichworten wie "Globalisierung" beschrieben werden, sondern auch aufgrund von Entscheidungen der Politik selbst.

Homo insipiens oder Gefühle steuern Denken

Warum Menschen zur aktiven Wahrnehmung von Zukunftsverantwortung über den rein privaten Vorsorgebereich hinaus nur ausnahmsweise fähig sind, erschließt sich aus der Beschäftigung mit der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns. Ganz grundsätz-lich besitzen Menschen zwar die Fähigkeit, sich zum Homo sapiens zu entwickeln; die meisten bleiben jedoch irgendwo auf der Stufe des Homo insipiens stecken. Antizipierendes Lernen aus globaler Verantwortung ist – dies zeigen die Erkenntnisse aus Psychologie und moderner Hirnforschung - nur mittelbar eine Frage von Wissen, Intelligenz oder Moral. Zweierlei ist zentral. Erstens sind entgegen üblicher Vorstellung Denken und Fühlen keine getrennten Vorgänge. Für die Richtung menschlichen Denkens und die Entscheidungen, die ein Mensch trifft, spielen die gefühlten Bewertungen, die das ausschließlich vergangenheitsbasierte Limbische System nach gut/schlecht, nützlich/schädlich usw. trifft, eine zentrale Rolle. Verabschieden müssen wir uns auch von der Vorstellung, der Mensch komme durch logisches Denken zu vernunftge-prägten Problemlösungen. Wer dem Denken in strikten Kausalitätsbeziehungen verhaftet ist und stets nach Patentlösungen sucht, besitzt für die Wahrnehmung von Zukunftsverantwortung in gewissem Sinne schlechtere Voraussetzungen als ein Kleinkind mit seiner Offenheit für das Unerwartete und das Denken auch von Paradoxien. Rein logisches Denken scheitert an hochkomplex vernetzten Problemen, die exponentiell wachsen. Empathie ist hier wichtiger als Logik. Damit aus Wissen Handeln folgt, bedarf es nämlich primär einer Umsteuerung des eigenen Gefühlshaushaltes.

In der Umweltbildungsdiskussion der letzten Jahre wurde die schwache Resonanz der Mehrheitsbevölkerung auf ökologische Aufklärungskampagnen als die zwangsläufige Folge einer Politik des erhobenen Zeigefingers zu deuten versucht. Statt düstere Zukunftsbilder zu beschwören, gehe es darum, umweltgerechtes Verhalten als Spaßquelle zu kommunizieren. Hier werden falsche Alternativen aufgebaut. Der Weg zu verantwortungsvollem ökologischen Handeln ist individuell sehr verschieden und führt über zahlreiche Stufen, wobei der Anteil von Menschen, die die jeweils nächste Stufe erreichen, von Stufe zu Stufe abnimmt. Der Weg geht vom Ausgesetztsein über die Stufen "Problem beachten", "Interesse entwickeln am Verstehen des Problems" und der Entwicklung der zum Problemverständnis erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten über die Stufen, die erforderlich sind, damit Menschen ihre Einstellungen ändern. Einstellungsänderungen wiederum bedürfen der ständigen Verstärkung und der Wahrnehmung als sinnstiftend, damit in einer weiteren Phase schließlich auch Verhaltens-änderungen als emotional befriedigend erlebt und erinnert werden. Das Umdenken braucht somit eine Initialzündung, ist dann aber ein langwieriger Prozess des Verlernens und Neulernens, damit der mentalen Um-programmierung. Der Prozess bedarf der ständigen Verstärkung, um Bestand zu gewinnen. Bei der Frage, ob ein Individuum über die erforderlichen Motivationsquellen verfügt, kommt dem Umgang mit Angst eine Schlüsselstellung zu. Der Vergleich "notorischer Optimist" zu "strategischer Pessimist" macht dies deutlich. Der notorische Optimist benötigt ein positiv verzerrtes Bild der Wirklichkeit als Motivationsquelle. Informationen, die Angst machen, werden abgeblockt; Risiken unterschätzt. Dies geschieht aus Selbstschutz und ist in soweit rational. Doch die Neigung zu Kontrollillusionen und die geringe Fähigkeit, umfassend vom Ende her zu denken, hat ihre Kehrseite, wenn das gedank-lich Ausgeblendete doch eintritt. Der strategische Pessimist lebt mit dem Nachteil, in unserer auf den schnellen Erfolg gerichteten Gesellschaft weit weniger Ansehen zu genießen als der stets Zuversicht verströmende Optimist. Da mit weniger Blindheit geschlagen, ist er für das Bestehen von schwierigen Herausforderungen jedoch besser gerüstet. Er erwartet nicht immer das Schlechteste, aber er ignoriert diese Möglichkeit eben auch nicht, sondern versucht vom Ergebnis her zu denken und dabei Risiken, so möglich und nötig, zu vermeiden. Dies vermittelt ihm ein Gefühl der relativen Sicherheit. Was beide Typen im Kern unterscheidet ist der jeweils andere Umgang mit Angst. Der notorische Optimist sperrt sich gegen Erkenntnisse, die Angst machen; der strategische Pessimist gewinnt Sicherheit und Motivation aus der Angstkontrolle.

It´s the culture

Als in hohem Maße weiterführend erweist sich der Versuch, Typen von Kulturen entlang ihrer grundlegenden Werteorientie-rungen - sie liefern für Menschen Sinnstiftungen und Handlungsmuster - zu unterscheiden. Zwischen den grundlegenden Prägungen einer Kultur resp. Zivilisation und ihrer Fähigkeit, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu bestehen, besteht ein enger Zusammenhang. Es gibt deutliche Indizien dafür, dass die empirisch feststell-baren Kulturtypen unterschiedlich günstige Voraussetzungen für die geforderte Entwicklung einer Zivilisation der Nach-haltigkeit beinhalten. Westliche Wertewandelsforschung transportiert meist ein bestimmtes Fortschrittsmodell. Mit lediglich zwei Dimensionen (Überleben versus Selbstverwirklichung und religiös-traditionell versus säkular-rationell) werden die zentralen Unterschiede in den Werte-orientierungen zu fassen versucht. Das Buch "Die Zukunfts-Blockade" greift dagegen auf Material zurück, das Kulturen dezentriert über die fünf Dimensionen Machtdistanz, Individualismus versus Kollektivismus, Maskulinität versus Feminität, Unsicherheitsvermeidung und Kurzfrist-orientierung versus Langfristorientierung zu fassen versucht. Die Analyse zeigt, dass mindestens diese fünf Dimensionen zur Erfassung der zentralen Kulturunterschiede benötigt werden. Die These geht dahin, dass eine durch das Vorherrschen femininer Werte geprägte Kultur, bei der hohe Werte in der Langfristigkeitsorientierung kombiniert sind mit einerseits geringen Werten bei Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung und andererseits mäßig hohen Werten auf dem Individualismusindex günstige Voraussetzungen für die Entwicklung einer Zivilisation der Nachhaltigkeit beinhaltet. Am nächsten kommt unter den hochentwickelten Ländern der skandinavische Kulturraum (Norwegen, Schweden, Finnland, Dänemark und Island) einem derartigen Profil. Konträr stehen mit wenigen Ausnahmen (Costa Rica) sowohl der lateinamerikanische Kulturkreis wie die romanischen resp. südeuropäischen Länder. Der angelsächsische Kulturkreis ist im Durchschnitt positiver zu bewerten. Die geringe Bedeutung femininer Werte und die teilweise extreme Kurzfristorientierung erlauben jedoch keine günstige Prognose. Die chinesische Zivilisation wiederum ist zwar durch höchste Werte bei der Langfristigkeitsorientierung geprägt, zugleich jedoch herrschen maskuline Werte.

Strategisches Handeln aus ökologischer Zukunftsverantwortung liegt im Möglich-keitsraum des Menschen. Es gelingt jedoch nur im Ausnahmefall. Eindringlich warnt das Buch vor der Illusion, der Mensch könne durch Gentechnik zielgerichtet "verbessert" werden. Ob die Politik Gestaltungskraft zurückgewinnen kann, bleibt eine offene Frage. Wichtig ist hier, ob sie die Chancen, die aus Katastrophen wie der Hochwasser-katastrophe des Sommers 2002 erwachsen, entschlossen aufgreift. Dass aus dem Wasserschlamm in Dresden und andernorts pünktlich zur Rio-Folge-Konferenz doch noch der Wille zu einer entschiedeneren Politik der Eindämmung des Klimawandels erwächst, kann zwar nicht erwartet werden. Trotzdem: Für diejenigen, die gegen den Ausbau der Elbe und für einerseits den Verzicht auf ufernahe Bebauung wie andererseits die Schaffung von Überflutungsräumen an den Flüssen streiten, haben sich die Erfolgsbedingungen verbessert.

Cornelia Heintze

 

Der Artikel erschien in den Umweltbriefen (2002)

Hinweis: Der Begriff "Homo insipiens" wurde von mir geprägt und bezeichnet im Gegensatz zum Homo sapiens einen Menschen, dessen Handeln nicht durch Verstand und Vernunft geprägt sind (= der unverständige Mensch)

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