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It´s the culture – Kulturelle Werteorientierungen und Nachhaltigkeit

Cornelia Heintze

Sowohl bei Untersuchungen zur Leistungsfähigkeit einzelner Teilsysteme – Beschäftigung, Bildung, Gesundheit sind wichtige Stichworte – wie auch bei ökologischen Nachhaltigkeitsindices erreichen die skandinavischen Länder Spitzenpositionen. Beim 2002 Environmental Sustainability Index (ESI) etwa belegen die Länder Finnland, Norwegen und Schweden die "Siegerplätze" 1 bis 3; Island immerhin noch Platz 8. Die Bundesrepublik Deutschland kommt dagegen nur auf Platz 50. Nun ist die Aussagekraft des ESI-Rankings aufgrund der Wahl einer recht heterogenen Zielstruktur beschränkt.1 Indiz dafür, dass die Produktions- und Konsumweise bei den so positionierten Ländern im Vergleich zu anderen Ländern weniger eklatant von dem entfernt ist, was mit langfristigen ökologischen Belastungsgrenzen verträglich ist, sind vordere ESI-Rangplätze gleichwohl.

Bei Nachhaltigkeit in der ökonomischen und sozialen Dimension sind die Befunde eindeutiger. Wer ein erfolgreiches Gegenmodell gegen die weltweite Durchsetzung von Kapitalismus in US-amerikanischer Ausprägung sucht, findet es in den skandinavischen Länder. In der bundesdeutschen Reformdebatte wird dies kaum zur Kenntnis genommen. In der Systemauseinandersetzung um die Zukunft des europäischen Sozialstaates verkürzt sich die Alternative eben nicht auf die Frage, Senkung der Arbeitslosigkeit durch rigide Flexibilisierung der Arbeitsmärkte um den Preis sozialer Desintegration contra Erhalt eines hohen Sozialstaatsniveaus um den Preis weiterhin hoher Arbeitslosigkeit.2 Die von den skandinavischen Ländern verfolgte Modernisierungsstrategie, bei der der Staat bei der Bereitstellung öffentlicher Güter wie auch als Arbeitgeber unverändert eine starke Rolle spielt, vermeidet die einseitige Auslieferung an die Marktkräfte. Der skandinavische Wohlfahrtsstaat ist beschäftigungspolitisch erfolgreich. Dies mit einer Lohnstückkostensteigerung, die um ein Vielfaches höher ausfällt als in den USA3 und mit Staatsquoten, die weltweit die höchsten sind, was die wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit gleichwohl nicht beeinträchtigt. Da stabil über hohe Steuern finanziert, befindet sich der Sozialstaat nicht in der Finanzierungsfalle. Im Gegenteil. Seit Jahren werden Budgetüberschüsse erwirtschaftet und in die Rückführung der Staatsschuld investiert. So ist der Staat für neue Herausforderungen gut gerüstet; die antizyklisch angelegte Finanzpolitik bewegt sich auf nachhaltigem Pfad. Während die Ungleichheit von Einkommen und Vermögen in den Ländern, die der neoliberalen Ideologie folgen, seit Anfang der 80er Jahre wächst,4 bleiben die skandinavischen Länder dem sozialen Ausgleich verpflichtet. Bildungschancen gewährleisten sie für alle Kinder unabhängig vom sozialen Status der Eltern; bei Schülerleistungstests trug dies Finnland (PISA) und Schweden (IGLU) erste Plätze ein. Auch auf den demographischen Wandel sind sie besser eingerichtet als etwa Deutschland. So sind die Beschäftigungsquoten über alle Altersgruppen sehr hoch und die der Frauen durchgängig die höchsten in Europa.5 Dies bei gleichzeitig höheren Geburtenraten als in Südeuropa oder Deutschland.

Gibt es eine spezifisch kulturelle Basis für die relativ zu anderen hochentwickelten Ländern bessere Nachhaltigkeitsperformance der skandinavischen Länder? Wie überhaupt ist der Zusammenhang zwischen den in einer Kultur dominanten Werteorientierungen,6 damit Wahrnehmungsrastern, Denkstilen, kollektiven Deutungsräumen und Handlungsmodellen und der Fähigkeit, die grundlegenden gesellschafts- und wirtschaftspolitischen Entscheidungen so zu treffen, dass eine wirtschaftlich leistungsfähige, sozial gerechte und ökologisch verträgliche Entwicklung möglich ist.

In bewusster Abgrenzung zu Wertewandelanalysen in der Nachfolge von R. Inglehart, bei denen Kulturen im Raster von lediglich zwei Dimensionen beschrieben werden, greife ich in meinem Buch "Die Zukunfts-Blockade"7 auf die Forschungen von u.a. Hofstede, G (2001) zurück. Mit einem kulturell dekonzentrierten Ansatz kommt Hofstede zu dem Ergebnis, dass sich Nationalkulturen über 5 Dimensionen unterscheiden:

  1. Umgang mit sozialer Ungleichheit einschließlich des Verhältnisses zu Autoritäten (Grad von Machtdistanz)
  2. Beziehung zwischen dem Individuum und der Gruppe (Kollektivismus/Individualismus)
  3. Orientierung auf eher maskuline oder feminine Werte (Maskulinität/Femininität)
  4. Umgang mit Ungewissheit in Bezug auf die Kontrolle von Aggression und das Ausdrücken von Emotionen (Grad der Unsicherheitsvermeidung).
  5. Orientierung auf eher langfristige oder kurzfristige Ziele (Grad der Langfristigkeitsorientierung resp. "konfuzianische Dynamik")

Die Dimensionen Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung sind unabhängig voneinander. Auch die Langfristigkeitsorientierung – sie ist spezifisch für die chinesische Zivilisation - scheint zu den anderen Dimensionen nur in geringen Abhängigkeitsverhältnissen zu stehen. Ansonsten jedoch gibt es mehr oder weniger starke Abhängigkeiten. So weisen die meisten Länder, die auf dem Maskulinitätsindex hohe Werte erreichen, auch in den Dimensionen Machtdistanz und Unsicherheitsvermeidung mittlere bis hohe Werte auf. Die romanischen und fast alle südamerikanischen Länder zählen dazu, ebenso Deutschland, Japan und die USA. Der Individualismusindex wiederum ist in hohem Maße vom ökonomischem Entwicklungsstand, damit also von einer dritten Variable abhängig. Reiche Länder erreichen auf ihm überwiegend hohe Werte, während kollektivistische Länder eher arm sind. In extrem individualistischen Gesellschaften sind die Bindungen zwischen den Individuen locker. Jeder soll für sich und seine Familie selbst sorgen. Da Gesellschaften mit steigendem Wohlstand individualistischer werden, sind vor allem die Unterschiede zwischen gleich wohlhabenden Ländern von Interesse. Die skandinavischen Länder, Japan und die USA sind wirtschaftlich vergleichbar hoch entwickelt, unterscheiden sich aber hinsichtlich ihrer relativen Position auf dem Individualismusindex. Japan erreicht einen mittleren, die skandinavischen Länder einen mäßig hohen und die USA den weltweit höchsten Wert. Was dieses bedeutet, erschließt sich erst bei Betrachtung der anderen Dimensionen. Eine Schlüsselstellung kommt der Dimension maskulin contra feminin zu. Während fast alle Kulturen mehr oder weniger stark durch die Dominanz maskuliner Werte geprägt sind, findet sich in den skandinavischen Ländern ein Übergewicht femininer Werte.8 Mit auftrumpfendem Gehabe, der berühmten "bella figura" der Italiener macht man hier keinen guten Eindruck. Nicht der Starke wird bewundert. Es zählt Bescheidenheit und Zurückhaltung im Auftreten sowie Einfühlungsvermögen. Geld, Karriere und Macht mögen wichtig sein, aber wichtiger ist Mitmenschlichkeit, Solidarität und die Bewahrung intakter zwischenmenschlicher Beziehungen. Der Wohlfahrtsstaat ist das Ideal, weniger die Leistungsgesellschaft. Gibt es Konflikte, dann besteht das Leitbild nicht darin, dass der Starke seine Macht demonstriert und der Schwache sich unterwirft, sondern es geht grundsätzlich darum, eine Konfliktlösung durch fairen Ausgleich zu finden. Die Rollenmuster der Geschlechter sind anders als in maskulinen Gesellschaften nicht getrennt, sondern gemischt. In der hohen Präsens von Frauen in politischen Ämtern findet dies ebenso seinen Niederschlag wie darin, dass Jungen und Mädchen nicht unterschiedlich erzogen werden. Jungen und Mädchen dürfen weinen, wenn sie traurig sind und beide sollen lernen, Konflikte ohne Gewalt auszutragen.

Feminine Werteorientierung geht in den skandinavischen Ländern einher mit einer niedrigen Machtdistanz und geringen Unsicherheitsvermeidung. In Kulturen mit hoher Unsicherheitsvermeidung (kontinental- und südeuropäische Länder) suchen Menschen in zwischenmenschlichen Beziehungen, in Organisationen und Institutionen nach Strukturen und Regulierungen, die klar und eindeutig sind. Die Vorstellung, es könnte mehrere Wahrheiten geben, erscheint als Bedrohung. Folge etwa in Deutschland: es herrscht ein Denkstil der Entgegensetzung und des "Entweder – oder". Anders in den skandinavischen Ländern. Markt steht hier nicht contra Staat, Freiheit nicht contra Gleichheit. Das auf Basis femininer Werte, geringer Machtdistanz und schwacher Unsicherheitsvermeidung vor allem im Verhältnis zu den USA völlig andere Freiheitskonzept begreift Freiheit nicht als Freiheit vom Staat, sondern der Staat hat als Wohlfahrtsstaat geradezu die Aufgabe, durch die Herstellung von möglichst viel Gleichheit die Bedingungen für individuelle Selbstverwirklichung zu schaffen. Dass ihre Kinder schon vor Vollendung des ersten Lebensjahres wochentags in von Kommunen vorgehaltenen Einrichtungen betreut werden, werten skandinavische Eltern als selbstverständlich, denn der Staat wird bei der Wahrnehmung der Erziehungsaufgabe als Partner gesehen. Er sorgt für ein flächendeckendes Angebot an Ganztagskinderbetreuung, damit Frauen - egal ob verheiratet oder nicht - frei sind, sich gleichzeitig für Beruf, Karriere und Kinder zu entscheiden.

Auch in den skandinavischen Ländern versuchen sich Teile von Wirtschaft und Politik in Anti-Staatsrethorik. Dergleichen findet in der dominanten Kulturprägung jedoch nur einen schwachen Resonanzboden. Mit dem Versprechen auf eine geringere Steuerlast und mehr Freiheit durch weniger Staat lassen sich Mehrheiten hier eher verschrecken als locken. Nicht weil sie so klein sind, finden wir die skandinavischen Länder häufig unter den Pionieren. Auch Irland und Luxemburg sind klein, betätigen sich jedoch weder umwelt-, noch gesellschaftspolitisch als Pioniere. Die tieferen Ursachen liefert das von anderen Ländern stark abweichende Kulturprofil. Es liefert das Fundament dafür, dass der skandinavische Kulturraum ökonomisch und sozial einen nachhaltigen Entwicklungspfad trotz gegenläufiger Zwänge der US-amerikanisch bestimmten Globalisierung (noch?) aufrechterhalten kann. Für die Etablierung von Nachhaltigkeit als Handlungsverpflichtung auch im ökologischen Bereich dürfte dies eine gute Basis sein.

Kultur als bloßer Überbau, als leicht zu ändernde Software? Wer sich mit den Big Five befasst, die die "Persönlichkeit" von Nationalkulturen konstituieren, muss umlernen. Andererseits: Kultur ist keine Konstante. Es gibt eine auffällige Parallele zur Persönlichkeit von Einzelindividuen.9 Menschen ändern ihre Persönlichkeit. Meist aber nur graduell: sie können reifer werden oder regredieren. Welchen Weg sie nehmen, hängt wesentlich von ihrer Lernfähigkeit und davon ab, ob sie Herausforderungen aktiv annehmen.

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Anmerkungen

1 Der Environmental Sustainability Index (ESI) definiert über 68 Einzelvariablen Nachhaltigkeit als Funktion von fünf Kernkomponenten: des Zustandes der Umwelt; des Stresses, dem diese ausgesetzt ist; der menschlichen Betroffenheit; der sozialen und institutionellen Kapazität, um in der Zukunft ökologische Herausforderungen zu bestehen sowie der Bereitschaft zur globalen Kooperation (http://www.ciesin.org/indicators/ESI/-downloads.html).

2 So M. Müller (SPD-MdB) in "Grand Hotel am Abgrund", Sommer 2003. (http://www.mueller-mdb.de/ ).

3 Zeitraum 1999 – 2002: Die USA sind mit einer Durchschnittsarbeitslosenquote von 4,7 % erfolgreich bei stagnierenden Lohnstückkosten (+ 0,5%); die skandinavischen Länder Norwegen, Schweden und Dänemark - durchschnittliche Arbeitslosenquote von 3,5% (Norwegen) bis 5,5% (Schweden) - trotz jahresdurchschnittlicher Lohnstückkostensteigerungen von über 2%. Quelle: EZB-Monatsberichte und OECD Labour Force Statistics.

4 Vgl. FÖRSTER,M./PEARSON, M.: Income distribution and poverty in the OECD area: trends and driving forces, OECD economic studies, 34, 1/2002, p. 7-39.

5 Die Beschäftigungsquote von Frauen ab 55 Jahren liegt (2001) zwischen 45% (Finnland) und 80% (Island) verglichen mit nur 28,4% in Deutschland. Quelle: OECD Labour Force Statistics.

6 Werteorientierungen bezeichnen die kulturspezifisch unterschiedlich ausgeprägte, dem Einzelnen meist unbewusste Neigung, bestimmte gesellschaftliche Umstände resp. Strukturausprägungen anderen Umständen vorzuziehen.

7 HEINTZE, C.: Die Zukunfts-Blockade. Klimawandel, BSE, Armut, Terrorismus – Warum in der Gesellschaft kollektives Vorsorgelernen misslingt, Berlin 2002:Logos Verlag, hier: Kapitel 10 (S. 237 – 320). Dort finden sich weiterführende Literaturangaben.

8 Die Unterscheidung zwischen einer femininen und einer maskulinen Kultur darf nicht verwechselt werden mit matriarchalischer contra patriarchalischer Gesellschaft. Im Matriarchat herrschen Frauen im Unterschied zur Männerherrschaft im Patriarchat. In einer femininen Kultur herrschen feminine Werte.

9 In der Persönlichkeitsforschung haben sich gleichfalls 5 Dimensionen (Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Extraversion, Neurotizismus, Offenheit) herausgebildet, über die jeder Mensch charakterisiert werden kann.

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Der Beitrag erschien mit etwas gekürzten Anmerkungen in der Ausgabe der Zeitschrift "Politische Ökologie" vom Dezember 2003, S. 78f.

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